Weltmeisterschaft Huelva, Spanien, 2021

Conny Schröder beendet ihre Karriere als BWF-Umpire

Bei uns erfährt Badminton trotz steigender Beliebtheit relativ wenig Beachtung in der Sportberichterstattung. Anders sieht das im internationalen Umfeld, insbesondere in den Ländern Süd-Ost-Asiens, China und Japan aus. Die Veranstaltungen im Rahmen der HSBC BWF World Tour werden vor tausenden Zuschauern ausgetragen und weltweit von einem Millionenpublikum verfolgt. Und oft ist unsere Team-Kollegin und langjährige Mitstreiterin Cornelia Schröder, kurz Conny, als Schiedsrichterin aus Deutschland mit dabei.

1999 erwarb Conny die Lizenz des Deutschen Badmintonverbands (DBV) für Internationale Aufgaben und darf seitdem Länderspiele und internationale Turniere „schiedsen“. Es folgte 2001 die erfolgreiche Prüfung zur Schiedsrichterin des Europäischen Badmintonverbands (BEC).

2008 schreibt sie deutsche Badmintongeschichte: Conny besteht die Prüfung zur akkreditierten BWF-Schiedsrichterin. Sie ist damit die erste (und bislang einzige) Schiedsrichterin des Deutschen Badminton Verbandes, die diese Schiedsrichtergraduierung des Weltverbandes (Badminton World Federation) erlangen konnte. Sie war damals vom Weltverband nominiert worden, um vom 24. Oktober bis 02. November im Rahmen der Junioren-Weltmeisterschaften im indischen Pune an dem Assessment teilzunehmen. Die Prüfung bestand aus einem schriftlichen und einem praktischen Teil. Im schriftlichen Teil mussten innerhalb von zwei Stunden rund 50 Fragen zügig beantwortet werden. Mindestens 80% der Antworten mussten richtig sein, um zu bestehen. Im praktischen Teil wurden die Teilnehmer während der gesamten Weltmeisterschaften (sowohl Teamwettbewerb als auch Individualwettkampf) von drei Prüfern aus Neuseeland, Kanada und Thailand beobachtet und bewertet.

Am 31.10.2008 wurden die Ergebnisse verkündet. Von den zehn Prüfungsteilnehmern bestanden nur vier. Eine von ihnen: Cornelia Schröder.

Seitdem ist die aus Niedersachsen stammende, promovierte Chemikerin auf Tour mit den Besten der Welt und hat dabei so manche Weltreise unternommen. Ihre Einsätze führten sie unter anderem nach Singapur, China, Indonesien, Vietnam, Peru, USA, aber auch zu den ehrwürdigen All-England Championships nach Birmingham, dem traditionsreichsten Badmintonturnier der Welt. Conny hat bisher an 11 Weltmeisterschaften, 1 Paralympics (2021 in Tokyo), 1 Youth Olympics (2014 in China), 8 German Open, 4 Denmark Open, 3 All England Championships, 2 French Open und 1 Indonesia Open teilgenommen sowie an vielen weiteren Turnieren von BWF, BEC und DBV.

Seit Badminton 1992 olympische Sportart wurde, hat es sich rasant weiterentwickelt. Der technische Fortschritt beim Material und die wissenschaftlich begleitete Entwicklung der Trainingsmethoden haben das Spiel stark verändert. Die Geschwindigkeit ist enorm, Ballgeschwindigkeiten von über 350 Km/h keine Seltenheit. Die Ansprüche an die Schiedsrichter sind entsprechend hoch. Man benötigt ein scharfes Auge und enorme Konzentrationsfähigkeit, vor allem in den prall gefüllten Hallen in Indonesien oder Malaysia, wo Lautstärkepegel sowie Temperaturen enorm hoch sind.

In Connys internationale Zeit fallen auch Änderungen im Regelwerk, wie zum Beispiel die Rally-Point-Zählweise 2006, bei der jeder Ballgewinn einen Punkt ergibt. Davor konnte nur bei eigenem Aufschlag gepunktet werden. 2014 wurde das von Paul Hawkins entwickelte und später von Sony aufgekaufte Hawk-Eye-System zur computergestützten Überprüfung von Linienrichterentscheidungen eingeführt. 2018 wurden bei den Yonex German Open die neue Aufschlagregel eingeführt, nach der der gesamte Federball unterhalb der festen Maximalhöhe von 1,15 m sein muss, wenn er getroffen wird. Begleitet wurde die Regeländerung mit der Einführung einer Peilhilfe, dem „Fixed Service Height Device“, mit der die Aufschlagrichter die Höhe des Aufschlags überwachen. 

Am 30. Oktober 2022 beendete Conny ihre Karriere als BWF-Schiedsrichterin aufgrund der Altersregelung von 55 Jahren. Das Damen-Einzel Finale der BWF World Junior Championships in Santander war ihr letzter Einsatz als BWF-Schiedsrichterin. Damit ist jedoch ihre Schiedsrichterreise noch nicht beendet. In den kommenden fünf Jahren wird sie weiterhin für den europäischen Badmintonverband unterwegs sein.

Grund genug, mit ihr über das „Schiedsen“, den Badmintonsport, die vergangenen Jahre und ihre zukünftigen Aktivitäten zu sprechen.

Conny, seit wann bist du im Badmintonsport aktiv?

Ich habe mit 16 Jahren angefangen, Badminton zu spielen. Zum Schiedsen bin ich erst mit 23 Jahren gekommen (1990).

Gab es einen bestimmten Anlass, dass du mit dem „Schiedsen“ angefangen hast?

In Niedersachsen gab es die Regelung, dass für jede gemeldete Mannschaft ein Schiedsrichter vorhanden sein musste. Da habe ich mich gemeldet. Ich war von Anfang begeistert und seitdem bin ich dabei geblieben.

Wie verändert die Ausbildung und die Praxis als Schiedsrichterin die Wahrnehmung der Sportart?

Ich habe es immer als Vorteil gesehen, dass ich selbst Badminton spiele und somit weiß, wie man sich fühlt, wenn es mal nicht gut läuft. Alles was ich als Schiedsrichterin gelernt und erlebt habe, zeigt mir auch, dass Badminton noch viel mehr Aufmerksamkeit in den Medien verdient und wir noch mehr tun müssen.

Wenn du Badminton mit anderen Sportarten vergleichst, wie würdest du den Anspruch an Schiedsrichter beschreiben?

Schiedsrichter jeder Sportart werden unterschiedlich gefordert, sowohl physisch als auch psychisch. Badminton ist da sehr vielfältig. Beim Badminton ist Reaktionsschnelligkeit gefragt, Teamfähigkeit bei der Zusammenarbeit mit dem Aufschlagrichter und den Linienrichtern. Aber auch der Umgang mit Menschen aus verschiedenen Kulturen erfordert ein gutes Kommunikations- und Einfühlungsvermögen.

Wie beurteilst du das Hawk-Eye-System? Wie gehst du damit um, wenn du „ohne“ arbeiten musst, während auf dem Nachbarfeld das Instant-Review-System (IRS) verfügbar ist?

Das IRS ist sicherlich eine gute Methode, um Linienentscheidungen zu überprüfen. Der Anteil an erfolgreichen „challenges“ ist aber relativ gering. Das heißt, die Linienrichter machen einen sehr guten Job. Ich habe überhaupt kein Problem damit, ohne IRS zu arbeiten. Der Großteil der Turniere wird ja ohne IRS ausgetragen. Ich bin dankbar für die Unterstützung der Linienrichter und kann somit viel entspannter schiedsen.

Aufschlagfehler werden immer sehr kontrovers diskutiert. „Too high“ ist dabei die häufigste Fehlerart. Wie trainiert man das Erkennen dieser Fehler?

Das ist „Learning by doing“. Jeder muss da seine eigene Methodik entwickeln. Ich setze mich auf den Stuhl und nehme meine für mich gute Position ein. Und je öfter du im Einsatz bist, desto erfahrener wirst du.

Wie wichtig ist das „Konfliktpotenzial der Tatsachenentscheidung“ für den Charakter des Spiels? Kannst du dir vorstellen, dass es in absehbarer Zeit keine Linienrichter mehr geben wird, wie das im Tennis bereits der Fall ist?

Sicher kann ein „In“ oder „Aus“ schon zu Diskussionen führen. Aber dafür gibt es ja den Schiedsrichter, der das Spiel leitet. Da ist ein gutes Augenmaß gefragt, eine schnelle und klare Entscheidung und gutes Durchsetzungsvermögen.

Leider kann ich mir sehr gut vorstellen, dass es sowohl keine LR als auch keine AR mehr geben wird und diese Aufgaben von „Maschinen“ erledigt werden. Schon jetzt hat das „IRS“ und „Fixed Service Height Device“ einen großen Einfluss auf das Spiel.

In letzter Zeit häufen sich Szenen, in denen Spieler extrem mit Psychotricks und Zeitverzögerung versuchen, „in den Kopf des Gegners“ zu kommen. Was kannst du als Umpire dagegen unternehmen?

Der psychologische Aspekt nimmt mehr und mehr zu. Die Fähigkeit das Spiel zu „lesen“ und der gesunde Menschenverstand spielen hier eine wichtige Rolle. Wichtig ist dabei, dass der Schiedsrichter das Spiel im Griff hat und „Verzögerungen“ nicht ausarten lässt.

2008 hast du die Schiedsrichterlizenz des Badminton Weltverbands BWF (Badminton World Federation) erhalten. Was hat dich letztlich dazu bewogen, diesen Schritt zu gehen?

Schon nach meiner BE (Badminton Europe) Prüfung in 2001 wusste ich, dass ich unbedingt weitergehen möchte. Und ohne die Unterstützung von meiner Familie, insbesondere von Torsten, meinem Ehemann, und dem DBV wäre ich 2008 nicht nach Indien zur BWF Prüfung eingeladen worden und wäre nicht dort, wo ich heute bin.

Welches war die kurioseste Situation, die du bei deinen zahlreichen Einsätzen bisher erlebt hast?

Das Finale im Herreneinzel bei den Austrian Open 2015. Ich musste im dritten Satz beim Stand von 20:19 eine gelbe und rote Karte wegen grober Verzögerung geben, die zum Spielgewinn (21:19) führte. Das läuft immer noch unter den 5 besten roten Karten auf YouTube (https://www.youtube.com/watch?v=k0EQGQz3zi0). So möchte ich kein Spiel, insbesondere Finale, beenden. Der Spieler ließ mir durch sein Verhalten jedoch keine andere Wahl. 

Als bislang einzige deutsche Schiedsrichterin mit BWF-Lizenz bist du bereits heute eine „Lebende Legende“ in unserem Sport. Und bei diesem Stichwort fällt einem natürlich auch sofort Gill Clarke ein. Gill stellt stets Umpire und Service Judge vor. Hast du sie persönlich kennengelernt und wie findest du ihre Art zu kommentieren?

Gill kenne ich schon seit einigen Jahren. Wir sind uns zum ersten Mal bei den Japan Open in 2014 begegnet. Als ehemalige Spielerin hat sie das notwendige Know-how. Ihre Art ist sehr erfrischend und sie ist immer sehr gut vorbereitet sowie genau in ihren Erklärungen/Äußerungen.

Welches ist dein Lieblingsturnier und warum?

Das ist sehr schwer zu beantworten. Jedes Turnier hat seinen eigenen Charme und das ist das Reizvolle für mich.

Die Turniere in Asien sind immer sehr schön, vor allem wegen der Menschen und der unterschiedlichen Kulturen. All England ist das Turnier mit dem höchsten Prestige. Aber auch German Open, Denmark Open und French Open sind da zu erwähnen. Zu diesen Turnieren bin ich jeweils mehrfach nominiert worden und es waren immer besondere Erfahrungen und Erlebnisse.

In Santander hattest du am 30. Oktober bei den Weltmeisterschaften der Junioren dein Abschiedsturnier vom BWF. Wie geht es danach für dich weiter?

Ab 2023 laufe ich unter Badminton Europe Certificated Umpire und darf bis zu meinem 60. Lebensjahr in Europa eingesetzt werden. Was danach kommt, ist nicht sicher. Solange ich gesund und fit bin, möchte ich aber weiter dabei sein.

Wie ist es zahlenmäßig um die Schiedsrichter in den deutschen Ligen bestellt? Was können wir als Verein tun, um Mitglieder für die Schiedsrichtertätigkeit zu gewinnen?

In NRW sind wir gut aufgestellt, aber Bedarf gibt es immer. Es ist nicht einfach, Spielerinnen oder Spieler für das Schiedsrichterwesen zu gewinnen. Die „Arbeitszeiten“ sind immer am Wochenende in den Ligen. Jeder sollte sich das gut überlegen, da es ein sehr zeitintensives Hobby ist. Die Familie muss mitmachen. Ohne die Unterstützung von meiner Familie, insbesondere von Torsten, hätte ich diese „Schiedsrichterkarriere“ nicht erlebt. Ein Besuch bei einem Bundesligaspiel in der Nähe ist zu empfehlen, um mal zu schauen, wie das läuft. Der BLV NRW bietet regelmäßig Lehrgänge an. Da könnte eine Werbung innerhalb des Vereines durchaus Sinn machen.

Vielleicht habe ich mit diesem Interview den Einen oder die Andere neugierig für die Schiedsrichtertätigkeit gemacht.

Vielen Dank für deine Zeit, Conny, weiterhin alles Gute bei deinen Einsätzen und viel Erfolg auf dem Court!

Brühler Turnverein 1879 e.V.
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